12.02.13 | Genussgemeinschaft goes M.A.D.

Go M.A.D. – Meet a Deputy, heißt die Aktion zu der das Bündnis “Meine Landwirtschaft” die Bürger aufrief, um mit den momentan in ihren Wahlkreisen anzutreffenden Abgeordneten des Europaparlaments über die anstehende Reform der “Gemeinsamen Agrarpolitik” (GAP) zu sprechen, die von 2014 bis 2020 die Geschicke der Landwirtschaft in der EU bestimmen soll. Und so machten sich die Vertreter der Genussgemeinschaft Städter und Bauern ans Werk – und auf den Weg nach Ebersberg…

 

Go M.A.D. –  Städter und Bauer besuchen Dr. Angelika Niebler (CSU; MdEP) in Ebersberg (Wahlkreis Obb.)

Beharrlichkeit zahlt sich aus – diese Erfahrung konnte die Genussgemeinschaft Städter und Bauern machen, als es Marlene Hinterwinkler gelang, einen Termin für die Bürgersprechstunde von Dr. Angelika Niebler, MdEP, zu vereinbaren. Seit 2010 engagiert sich das von Münchner Slow Food Mitgliedern und oberbayerischen Bauern gegründete „Bündnis für eine regionale Agrar- und Esskultur“ mit Aktionen und Veranstaltungen sowie Investitionsprojekten auf dem Gebiet der Ernährungssouveränität. Nach etlichen Telefonaten und Mails war es so weit: Am Freitag, den 8.2., pünktlich um 9.30 Uhr, trafen drei Vertreter der „Genussgemeinschaft“ in Ebersberg ein. Eine halbe Stunde war für das Treffen vorgesehen.

Bauern und Verbraucher ziehen an einem Strang

Mit von der Partie neben Marlene Hinterwinkler: Projektleiter Johannes Bucej und der Zornedinger Biobauer Franz Lenz, mit dem die Genussgemeinschaft im vergangenen Jahr das bereits dritte Beteiligungsprojekt, den Aufbau einer Mutterkuhherde mit Pinzgauer Rindern, verwirklicht hatte. Auch diesmal sollte sich zeigen: Bauern und Verbraucher ziehen an einem Strang – und hier auf besonders eindrucksvolle Weise.

Diskussion in konstruktiver Atmosphäre: Biobauer Franz Lenz, Marlene Hinterwinkler, Johannes Bucej, Dr. Angelika Niebler

 

Die Dreierkonstellation erwies sich als Glücksfall, denn Franz Lenz ist nicht nur überzeugter Bio-Landwirt (Naturland) und Slow-Food-Mitglied, sondern auch Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes für den Landkreis Ebersberg und auch mit Frau Niebler bekannt. So konnte er glaubwürdig darlegen, dass die bisherige Form der an den Bedürfnissen großer Agrarbetriebe orientierten GAP, die auf dem Prinzip „wachse oder weiche“ basiert, für kleine und mittlere Familienbetriebe existenziell gefährdend ist. Dass sein Hof dabei eine Ausnahme bildet, ist dem Umstand geschuldet, dass er sich für Bio-Landwirtschaft und Regionalvermarktung entschieden habe, wobei auch die Wertschöpfung besser sei. Und auch mit einem anderen „Märchen“ konnte er aufräumen: der gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung des Deutschen Bauernverbandes, beim sog. „Greening“ handele es sich um eine erzwungene „Flächenstilllegung“ und ein Bewirtschaftungsverbot, mithin einen Eingriff in Eigentumsrechte. Zwar konnte in diesem Punkt kein Einvernehmen mit Frau Dr. Niebler erzielt werden, aber nachdenklich wurde die EP-Abgeordnete dennoch, als Franz Lenz ihr erklärte, dass das von EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos vorgeschlagene Greening keine „Enteignung“, sondern die Forderung nach extensiv betriebener Landwirtschaft bedeute. Als Jäger sei er zudem besorgt über den spürbaren Rückgang der Artenvielfalt.

Frau Dr. Niebler gab zu bedenken, dass die süddeutschen bäuerlichen Familienbetriebe bzw. deren Vertreter nicht die Regel seien und mit ihren Forderungen gegen eine große (fraktionsübergreifende) Mehrheit im EP stünden (seltsamerweise kommt aber der aktuelle Präsident des Deutschen Bauernverbandes und Nachfolger von Gerd Sonnleitner, Joachim Rukwied, selbst aus Baden-Württemberg).

Deutlich wurde dadurch, dass sowohl Mitglieder als auch Vertreter des Bauernverbandes auf den unteren und mittleren Ebenen nicht immer die Meinung ihrer Führung auf Landes- oder Bundesebene teilen.

Einig war man sich hingegen, dass die EU-Förderungen künftig wirksamer für kleine und mittlere Betriebe eingesetzt werden müssten, dass die Transparenz bei der Lebensmittelerzeugung verstärkt werden müsse und der bürokratische Aufwand keinesfalls weiter anwachsen dürfe.

Klärten über die Auswirkungen der GAP für Landwirte und Verbraucher auf: Franz Lenz und Johannes Bucej im Gespräch mit Dr. Angelika Niebler (MdEP)

Johannes Bucej, Projektleiter der „Genussgemeinschaft“, betonte die Wichtigkeit einer überwiegend lokalen Lebensmittelversorgung und wies auf die Wünsche der Verbraucher nach einer ökologisch ausgerichteten Landwirtschaft hin. Er forderte insbesondere, dass die Politik Strukturen schaffen müsse, innerhalb derer die Menschen ihre persönliche Verantwortung für gute, saubere und faire Lebensmittel auch wahrnehmen könnten. Man könne nicht vom „mündigen Verbraucher“ reden und andererseits alles dafür tun, um genau das zu verhindern. Dazu gehöre auch eine Abkehr von einer vorwiegend exportorientierten, intensiven Landwirtschaft. Sie sei nicht nur für Kleinbauern in anderen Ländern und Kontinenten existenzgefährdend, sondern zwinge die heimischen Landwirte geradezu, anonyme (Massen)Produktion und Handelswege zu bedienen, die für den Verbraucher nicht nachvollziehbar seien.

Marlene Hinterwinkler wiederum ist als Initiatorin einer Einkaufsgemeinschaft von mehr als 30 Haushalten, die regelmäßig Lebensmittel von Bauern der Genussgemeinschaft beziehen, das lebendige Beispiel dafür, dass eine lokal orientierte Lebensmittelversorgung für die Menschen nicht nur ein frommer Wunsch bleiben muss. Der direkte Bezug zu den Bauern wirkt sich auch auf den Umgang der Verbraucher mit Lebensmitteln aus: „von der Wertschöpfung zur Wertschätzung“, so Marlene Hinterwinkler in Anlehnung an einen Slogan des Demeter-Verbandes.

Dank der konstruktiven Atmosphäre dauerte die Begegnung letztlich gut doppelt so lange wie ursprünglich vorgesehen. Obwohl ressortfremd (im EP liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit in den Bereichen Industrie und Energie sowie Frauenrechte und Gleichstellung der Geschlechter), stand Frau Dr. Niebler doch unseren Anliegen und Fragen offen gegenüber. Ob der Besuch zu einem Umdenken oder zumindest Nachdenken über eine Richtungsänderung der GAP führt, sei dahingestellt. Gut möglich aber, dass das Gespräch auch künftig gesucht und fortgesetzt wird.

Autor: Johannes Bucej

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